Geschichte und Geschichten

Das dfff-Archiv erhält eine Webpräsenz

Nun hat das Internet gerade seinen 25ten Geburtstag gefeiert, doch die Frage, wie sich Kulturinstitutionen mit dem neuen Medium arrangieren, ist nach wie vor virulent. Dass das “kulturelle Erbe ins Netz zu stellen” sei, wurde oft gefordert. Allerdings entpuppte sich dieser Anspruch als schwierig einzulösen. Zu groß waren und sind die juristischen und technischen Hürden, zumal in Zeiten schwindender Etats.
Jenseits des quantitativ hohen Anspruches boten die vergangenen Jahre auch die Möglichkeit zur Reflexion. Die Anstrengung, das “kulturelle Erbe ins Netz zu stellen” entfaltete nicht selten den Charme eines Bilderkataloges: Zu eng verwoben war die technische Grundlage mit der Präsentation.

Storytelling vs. Datenbanken

Seit einigen Jahren entwickelt sich in den USA eine lebhafte Diskussion zur Art und Weise, wie kulturelles Erbe im Netz präsentiert werden soll. Im Vordergrund steht hierbei nicht mehr der Katalog, sondern die fachlich kuratierte Auswahl und die narrative Kontextualisierung.

Die Deutsche Kinemathek hat diesen Ansatz exemplarisch in ihrem Ken Adam-Archiv sowie im dffb-Archiv aufgegriffen; letzteres soll hier ausführlicher vorgestellt werden.

Hintergrund ist, dass die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), deren Schwerpunkt in der Ausbildung im künstlerisch-kreativen Bereich liegt, ihre umfangreiche Sammlung bestehend aus weitgehend unbekannten Filmen und Dokumenten, seit Jahrzehnten der Deutschen Kinemathek zur Archivierung überlässt.

Damit waren die Voraussetzungen gegeben, ein Projekt zur Präsentation der in der dffb produzierten Filme und des relevanten Schriftgutes zu beginnen. Es wurde von der Europäischen Union – Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin gefördert und ging im März 2016 nach gut zweijähriger Entwicklung online. Zentraler Ausgangspunkt war eine Prämisse, die aus den zahlreichen bisher realisierten Online-Projekten entwickelt wurde: Das Archiv sollte ins Erzählen gebracht werden. Nicht die Präsentation faktischen Wissens sollte im Vordergrund stehen, sondern die Kontextualisierung der Filme und des Schriftgutes.

Geschichte erzählen

Wie aber erzählt man die Geschichte einer Institution, die Filmautoren ausbildet, sinnvoll und angemessen? Wie sollen Bezüge zwischen Dokumenten, Filmen, Schul- und Zeitgeschichte hergestellt werden. Die erste Entscheidung bestand zunächst darin, für diese Erzählungen auf ein Team von engagierten Filmwissenschaftlern und Journalisten zurückzugreifen. Diesen wurden die Archivunterlagen zur Verfügung gestellt und auf Grundlage dieses Wissens schauten sie die Filme aus dem Archiv und entwickelten ihre Essays und Analysen.
Von den Dokumenten und Filmen ausgehend wurden Ideen entwickelt, wie eine solche Geschichte aussehen könnte. Beispielsweise waren auch die Prüfungsfragen des Auswahlverfahrens Teil der Unterlagen. Anhand der wechselnden Fragestellungen wird noch einmal aus einer völlig unvermuteten Perspektive sichtbar, wie die Akademie im Lauf der Jahre ihren Charakter veränderte: Von der Abfrage explizit politischen Wissens hin zu stärker ästhetischen Fragestellungen.
Neben analytischen Texten, interpretierenden Essays, den Filmen und Dokumenten finden sich auch Videointerviews mit Dozenten und Studenten sowie Filmemachern auf der Website. Persönliche Erlebnisse, Interpretationen und auch Anekdoten sollten als oral history ihren Teil zur Geschichtsschreibung beitragen.
Um aber die dffb und ihre Bedeutung verstehbar zu machen, war es auch notwendig zumindest einen Teil der dort entstandenen Filme zu zeigen. Voraussetzung hierfür waren die Rechteklärung und die Digitalisierung der Filme. Die Rechteklärung, ohnehin schon ein Grundproblem bei Online-Publikationen, entpuppte sich als doppelt schwierig, da bei der Produktion der Filme Rechtefragen – insbesonderer älterer Filme – nicht im Mittelpunkt standen. Letztlich gelang es aber über 70 Filme online zu stellen (wenngleich einige nur in Ausschnitten), Filmographien wurden nachrecherchiert und Fotos z.T. direkt aus den Filmkopien angefertigt.
So ist etwa der Film “Requiem für eine Firma” (1968) nun in seiner Gesamtlänge online zugänglich. Der 72 Min. lange Film ist als Wochenschau konzipiert und zeigt die Situation innerhalb der dffb nach der Relegation von 18 Studenten.
Das von dem damaligen Dozenten Klaus Wildenhahn initiierte Format erinnert formal an die Wochenschau-Filme von Vertov, aber auch an die jungen Filme des Direct Cinema. Eine bewegliche Kamera filmt Studenten und Direktoren innerhalb der Akademie, Interviews wechseln mit Beobachtungen ab.
Der Film besitzt aber eine Bedeutung, die über seinen unmittelbaren Status als zeitgenössisches Dokument hinausgeht. Der Dozent Ulrich Gregor erläutert in einem für die Seite erstelltem Interview, dass es Klaus Wildenhahn mit den Wochenschauen gelang, die Studenten emotional an die Akademie zu binden und die filmische Arbeit wieder ins Zentrum zu stellen. Letztlich führte dies dazu, dass die aufgrund politischer Kontroversen von der Schließung bedrohte Akademie doch nicht aufgegeben wurde.
Dies Beispiel mag illustrieren, wie durch eine fachlich kuratierte Filmauswahl und durch die Kontextualisierung des Materials neue Bedeutungen eröffnet werden. Auch das Kinematheks-Projekt zu Ken Adam folgt übrigens diesem Ansatz.

Die gesamte Website zum dffb-Archiv verfolgt diesen Ansatz und priorisiert in ihrem Aufbau die narrativen Elemente: Essays, Porträts, Analysen und Überblicksartikel zur Geschichte stehen im Vordergrund und werden ergänzt durch Videointerviews und Filme. Die Texte selbst sind multimedial aufbereitet und integrieren Audio und Video. Willy Brandts Rede zur Gründung der dffb (1966) ist ebenso vertreten wie Filmausschnitte, auf welche die Texte gerade Bezug nehmen. Der Katalog, also die Datenbank mit über 2000 filmographischen Einträgen und Biographien ist nur über die Suche und Links in den Texten zugänglich. Für den Nutzer bedeutet dies, dass er sich lesend, sehend und hörend durch die Seite bewegt. Das Blättern in Katalogen ist Geschichte.

Projektleitung: Volkmar Ernst, Jürgen Keiper
Förderung: Europäischen Union – Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)
Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin
www.dffb-archiv.de

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