Filmen für die Nachwelt

Archivbilder von der Deportation jüdischer Bürger aus dem Deutschen Reich in den Jahren 1941 und 1942

Nachdem Hitler im September 1941 angekündigt hatte, das Deutsche Reich bis Jahresende von allen Juden zu „befreien“, setzten in den folgenden Monaten die ersten systematischen Deportationen aus dem Reichsgebiet in die Vernichtungszentren

in Osteuropa ein. Am 24. Oktober desselben Jahres teilte der Chef der deutschen Ordnungspolizei, Kurt Daluege, in einem Schnellbrief die „Evakuierung von Juden aus dem Altreich und dem Protektorat“ mit. 50.000 Juden sollten in den kommenden Monaten „nach dem Osten in die Gegend um Riga und um Minsk abgeschoben“ werden, die Daluege unterstellte Ordnungspolizei zusammen mit lokalen Gestapo-Stellen die Zusammenstellung der Transporte überwachen und die Deportationszüge begleiten.

Bereits zuvor war es zu vereinzelten, meist von lokalen Gauleitern angeordneten Deportationen gekommen. Im Oktober 1940 wurden 6.500 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Baden und der Saarpfalz nach Frankreich abgeschoben und in das südfranzösische Lager Gurs am Rande der Pyrenäen gebracht, wo zahlreiche Menschen infolge der unzureichenden Verhältnisse starben. Aus Bruchsal sind Filmaufnahmen dieser Ereignisse überliefert. Der ca. einminütige Film mit dem antisemitischen Titel Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal zeigt Menschen mit Koffern und anderem Gepäck, die bewacht von Ordnungspolizisten, zu einem Sammelpunkt geführt werden. Offenkundig sollten die Aufnahmen das Bild eines Exodus’ evozieren und das antisemitische Stereotyp vom „wandernden Juden“ tradieren.

Interessanterweise wurden im Verlauf der Deportationen von 1941 und 1942 aus Deutschland und dem Protektorat Böhmen und Mähren noch weitere Filme hergestellt, die in lokalen Archiven oder in Privatbesitz erhalten geblieben sind. Neben den Aufnahmen aus Bruchsal können für den Zeitraum zwischen 1941 und 1942 Filme aus Stuttgart, Warschau, Hildesheim, Dresden und Prag nachgewiesen werden. Diese Aufnahmen wurden nicht öffentlich gezeigt und hatten scheinbar die Funktion, die Ereignisse für einen späteren Zeitpunkt zu bewahren, eventuell für die NS-offizielle „Erinnerung“ an die Vertreibung und Ermordung der Juden nach einem erwarteten Sieg im Zweiten Weltkrieg. Der bisher zumeist im Kontext der Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto betrachtete Tagebucheintrag von Joseph Goebbels am 27.4.1942 könnte diese These stützen. Der Propagandaminister notierte an diesem Tag, dass nachdem Himmler mit der Deportation der deutschen Juden begonnen habe, von diesen Ereignissen Filmaufnahmen erstellt werden sollten, die „wir für die spätere Erziehung unseres Volkes dringend gebrauchen.“

Bereits von Ende 1941 stammt der erste Film über diese Ereignisse, der in der Stuttgarter Kriegschronik überliefert wurde, die Filmaufnahmen von „für die Kriegszeit bezeichnenden Vorgängen“ bewahren sollte. Die auf 16mm-Schwarzweißfilm gedrehten Bilder zeigen Menschen bei der Registrierung, Wartende in einer Halle des ehemaligen Reichsgartenschaugeländes auf dem Stuttgarter Killesberg, die Ausgabe von Essen und die Sortierung von Koffern. Es handelt sich um Aufnahmen vom ersten Transport aus der Region Stuttgart, mit dem ca. 1000 Juden am 1. Dezember 1941 in die Gegend um Riga deportiert wurden. Obwohl die Filme der Kriegschronik von Jean Lommen, Inhaber der Suttgarter Dokument-Film-Produktion, erstellt wurden, hat man dessen Beteiligung an diesen Aufnahmen nach dem Krieg in Frage gestellt und die Herstellung der Gestapo zugeschrieben. Tatsächlich lassen sich die nur provisorisch geschnittenen Aufnahmen wie ein „Arbeitsnachweis“ für die effiziente und reibungslose Durchführung der vorgegebenen „Aufgabe“ durch Gestapo und Ordnungspolizei lesen. Der Film wird heute im Stadtarchiv Stuttgart verwahrt und liegt auch in einer Kopie im Bundesarchiv-Filmarchiv vor.

Die überlieferten Filme lassen den Rückschluss zu, dass sowohl lokale Stellen als auch die jeweilige Gestapo Aufnahmen veranlassten. Im März 1942 drehte der Amateurfilmer Erwin Kamberger eine kurze Sequenz von der Deportation von Juden in Hildesheim. In einem Brief vom 19. März 1942 hatte die Gestapo-Leitstelle in Hannover auf die „Abschiebung der noch in Hannover einschließlich Hildesheim verbliebenen evakuierungsfähigen Juden“ am 31. März hingewiesen. Die Deportierten kamen zunächst in die Gegend um Lublin und später ins Warschauer Ghetto. Eine knapp einminütige Filmsequenz, die vom Hildesheimer Stadtinspektor Kamberger auf 16mm-Positiv-Film aufgenommen wurde, zeigt, wie Menschen auf dem Gelände der Polizeischule in Hildesheim versammelt werden. Sie tragen Gepäck, teilweise sind auch Transportnummern zu sehen, die an die Kleidung geheftet werden. Kamberger hatte die Aufnahmen mit dem Zwischentitel „Evakuierung der Juden“ versehen und in einen längeren Film mit dem Titel Hildesheim in den Kriegsjahren 1941/1942 eingeschnitten, den er Anfang April an das Stadtarchiv zur Aufbewahrung gegeben hatte. Dort wurden die Aufnahmen erst 2002 wiederentdeckt, konserviert und erschlossen.

In ähnlicher Weise wie in Stuttgart und Hildesheim entstanden wohl auch von einer Deportation am 24. April 1942 in Würzburg Aufnahmen. Ein Film mit dem antisemitischen Titel Der Auszug der Juden aus Mainfranken wurde von der Firma Richard Nickel aus Nürnberg erstellt. Gedreht wurde unter anderem an der offiziellen Sammelstelle im Platz`schen Garten. Das belegen ein Aktenvermerkt der lokalen Gestapo sowie Fotos, die während der Ereignisse aufgenommen wurden und die Anwesenheit einer Filmkamera dokumentieren. Obwohl man weiß, dass der Leiter der Würzburger Gestapo und sein Stellvertreter sich den Film am 28. Mai 1942 ansahen, gilt das Material heute als verschollen.

Das wohl umfangreichste zusammenhängende Filmmaterial, das im Umfeld der Deportationen aus dem Deutschen Reich im Jahr 1942 entstand und überliefert ist, stammt aus Dresden. Der fast halbstündige Film wurde am 23. bzw. 24. November 1942 aufgenommen und zeigt laut Titel die Zusammenlegung der letzten Juden in Dresden in das Lager Hellerberg. Zu sehen sind zunächst Straßenszenen von der Räumung sogenannter „Judenhäuser“ und die Verladung von Gepäck. Der nächste Teil zeigt Frauen und Kinder auf dem Hof der „Städtischen Entseuchungs-Anstalt“. Teilweise sieht man Männer in weißen Kitteln. Auch uniformierte Mitglieder der SS und Gestapo sind zu erkennen. Mehrere Naheinstellungen nehmen Frauen und Kinder in den Blick. Der folgende Zwischentitel vermerkt die „Ankunft am Hellerberg“, einem von der Firma Zeiß-Ikon errichteten und finanzierten Barackenlager am Rand der Stadt. Die folgenden Szenen zeigen Menschen, die, teilweise mit Regenschirmen oder -mänteln ausgerüstet, nasse Wege und Straßen entlang gehen. Zu erkennen sind dann die ersten Baracken des Lagers. Teilweise werden Gepäckstücke mit Namen in Großaufnahme gezeigt. Andere Einstellungen zeigen Frauen und Kinder, wieder andere Uniformträger. Der nächste Zwischentitel verkündet „Einige Beispiele jüdischer Ordnung“. Zu sehen sind übereinander geworfene Besen und Reinigungsgeräte, vollgestellte Baracken, Schränke, Waschanlagen und Koffer. Danach werden wieder Menschen und Menschengruppen gezeigt. Der Film endet abrupt mit einem Bild von der Registratur. Gefilmt wurden die Aufnahmen von Erich Höhne, der als Angestellter bei Zeiß-Ikon Verwalter des dortigen Filmlagers war. Höhne hatte das Material nach dem Krieg verwahrt. Eine Kopie des Films befindet sich heute im Bundesarchiv-Filmarchiv.

Gewissermaßen als Gegenstück zu diesen Aufnahmen aus dem Reichsgebiet kann eine ca. zweiminütige Sequenz aus dem Warschauer Ghetto herangezogen werden, die die Ankunft von Juden aus Deutschland zeigt: Eine Gruppe von Deportierten mit Gepäck wird eine Straße entlang geführt und betritt dann das Aufnahmelager des Ghettos in einem Wohnhaus. Danach sind Menschen bei der Registratur und in einem großen Raum zu sehen. Die Aufnahme eines Koffers weist auf die Herkunft der Deportierten aus Magdeburg hin. Es ist überliefert, dass die Juden aus Magdeburg am 14. April 1942 in Warschau ankamen. Neben verschiedenen Groß- und Nahaufnahmen enthält das Material auch eine Kamerafahrt, die die Gesichter von wartenden Menschen zeigt. Letztere Bilder entsprechen anderen, in NS-Propagandafilmen enthaltenen und im Oktober 1939 vom Propagandaministerium erstmals angeordneten Aufnahmen von „Judentypen“. Die Ankunft der Magdeburger Juden in Warschau ist Teil eines unveröffentlichten Propagandafilmes, der im Frühjahr 1942 im Warschauer Ghetto gedreht wurde. Die Aufnahmen finden sich in einem Konvolut aus 35mm-Schwarzweißmaterial mit dem Titel Ghetto – Restmaterial, das im Bundesarchiv-Filmarchiv verwahrt wird.

Einem ähnlichen Entstehungskontext entstammt wohl ein weiteres, nur wenige Sekunden dauerndes Filmfragment, das in dem DDR-Film Aktion J (1961) von Walter Heynowski enthalten ist. Der aus verschiedenen Archivmaterialen kompilierte Film enthält eine Sequenz, in der eine Familie zu sehen ist, die eine Wohnung verlässt. Durch die Kennzeichnung auf ihrer Kleidung und die Transportnummern auf den Koffern ist die Szene eindeutig als Deportationssituation zu identifizieren. Das Heraustreten eines Jungen und seiner Eltern aus der Wohnung wird drei Mal gezeigt, jeweils aus unterschiedlichen Kameraperspektiven. Offensichtlich wurde die Szene gestellt. Dem Kommentar von Aktion J zufolge wurde das Filmfragment in einem Prager Archiv gefunden und von der SS hergestellt. Obwohl der genaue Ursprung des Materials bis heute unklar ist, kann angenommen werden, dass es im Zusammenhang mit einem Filmprojekt über das Ghetto Theresienstadt im Jahr 1942 entstanden ist. Mit den Filmarbeiten war der tschechische Häftling Irena Dodalova betraut worden. Neben ihr arbeiteten noch andere Insassen für das Projekt, das dem SS-Obersturmführer Otto unterstand. Die Dreharbeiten fanden zwischen Oktober und Dezember 1942 statt. Aufgrund der Transportnummern auf den Koffern lässt sich bestimmen, dass es sich bei der gezeigten Szene um einen Transport von Prag nach Theresienstadt am 22. Dezember 1942 handelte, der 1002 Personen umfasste. Es ist davon auszugehen, dass in der gestellten Szene Karel und Ana Goldmann mit ihrem Sohn Ivan Josef zu sehen sind, dessen Schwester Hana Mirjam Goldmann einer der Koffer in dem Filmfragment gehörte.

Obwohl das Fragment nicht in dem überlieferten Filmmaterial des Theresienstadtfilms von 1942 enthalten ist, lassen sich nicht nur zeitliche Bezüge herstellen. Beispielsweise erklärte Karel Pe?ený, der während des Krieges für die tschechische Wochenschau arbeitete, dass die SS einige Male deren Kameramann ausgeliehen habe, um antijüdische Maßnahmen in Prag für den Theresienstadt-Film zu filmen. In dem fragmentarisch überlieferten Filmmaterial dieses Films findet sich außerdem eine weitere Deportationssequenz, die die Ankunft eines Transports in dem Ort Bohušovice zeigt. Zu sehen sind Menschen, die, bewacht von tschechischen Polizisten, zum Ghetto Theresienstadt gehen. Diese kurze Einstellung ist in dem achtminütigen Material Theresienstadt 1942. Dreharbeiten enthalten, das heute im Národní Filmový Archiv in Prag und im Bundesarchiv-Filmarchiv aufbewahrt wird.

Die erhaltenen, an unterschiedlichen Orten aufgenommenen Filme von der Sammlung und Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich und dem Protektorat aus den Jahren 1941 und 1942 zeigen nicht nur, dass die Verschleppung der Juden eine öffentliche und sichtbare Angelegenheit war. Sie verdeutlichen auch ein Interesse daran, diese Vorgänge für die Nachwelt aufzuzeichnen. Ob diese Filmarbeiten in erster Linie lokal initiiert oder politisch intendiert und landesweit koordiniert waren, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Deutlich aber ist, dass die Aufnahmen dem von Goebbels und anderen formulierten Interesse entsprachen, solche Aktionen für eine nach dem Krieg vorgesehene Veröffentlichung im Einklang mit dem nationalsozialistischen Judenbild zu dokumentieren. In diesem Zusammenhang ist neben der Herausstellung von Effizienz und Reibungslosigkeit vor allem die antisemitische Kodierung der Aufnahmen auffällig. Dazu zählt vor allem das mehrfach zitierte Motiv des „Auszugs der Juden“ und das durch das auffällige Interesse an den Gepäckstücken und der zwischen diesen wartenden Juden zum Ausdruck gebrachte Stereotyp des „wandernden Juden“.

 

Das diesem Artikel zugrunde liegende Forschungsprojekt wurde großzügiger Weise durch das International Institute for Holocaust Research – Yad Vashem und „The Baron Friedrich Carl von Oppenheim Chair for the Study of Racism, Antisemitism, and the Holocaust, founded by the von Oppenheim Family of Cologne“ unterstützt. Tobias Ebbrecht ist Filmwissenschaftler und Autor von „Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis. Filmische Narrationen des Holocaust“ (Bielefeld 2011).

Literaturverzeichnis

Tobias Ebbrecht: „Für die Kriegszeit bezeichnende Vorgänge.“ Zwei Filme über die Ausgrenzung und Deportation der Juden in Stuttgart 1941. In: Filmblatt 44 (Winter 2010/11), S. 54-67.

Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Fotografien und Dokumente zur nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933-1945. Leipzig 1998.

Anja Horstmann: Ghetto (1942). Unvollendetes dokumentarisches Filmmaterial aus dem Warschauer Ghetto. In: Filmblatt 44 (Winter 2010/11), S. 68-81.

Herbert Schrott: Das Fotoalbum der mainfränkischen Juden. In: Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941-1943. München 2003, S. 167-177.

Herbert Reyer: Die Deportation der Hildesheimer Juden in den Jahren 1942 bis 1945. In: Hildesheimer Jahrbuch 74 (2002), S. 149-215.

Eva Strusková: Ghetto Theresienstadt 1942: The Message of the Film Fragments. In: Journal of Film Preservation 79/80 (April 2009), S. 60-79.

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